Deutsche Friedensgesellschaft
Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen DFG-VK

Landesverband Bayern


An die Süddeutsche Zeitung,  Redaktion Leserbriefe

Betrifft: Atomprogramm des Iran und Raketenabwehr

Raketen wegverhandeln statt abwehren!

Weit reichende Raketen aus dem Iran oder anderswo können uns objektiv irgendwann erreichen. Viel wurde in den letzten Wochen geschrieben über das dürftige Programm zur Urananreicherung im Iran (3000 von benötigten 200 000 Zentrifugen). Wenig ist zu lesen über die Entwicklung ballistischer Raketen. Warum wollen Staaten wie Nordkorea, Indien, Pakistan, Iran, Saudi-Arabien, Lybien usw. weit reichende Raketen?  Natürlich müssen wir irgendwann vor diesen Angriffswaffen Angst haben. Die Aufstellung von großen Waffensystemen wie diesen Raketen ist vor der Satellitenaufklärung nicht zu verbergen. Warum wird also nicht über ein globales Verbot von Raketen mit Reichweiten (zunächst) über 500 km verhandelt? (Ein solches Verbot wäre einfach zu kontrollieren) Weil die atomar bewaffneten Großmächte das nicht glaubwürdig anbieten könnten, ohne selber auf diese Waffensysteme zu verzichten! Sie müßten bereit sein, innerhalb eines zu vereinbarenden internationalen Kontrollregimes dann auch ihre weit reichenden Raketen und Marschflugkörper zu verschrotten. Das wäre der billigere Weg zu wirklicher weltweiter Sicherheit. Doch wer Regime stürzen und Ölquellen besetzen will, wird sich darauf nicht einlassen. Die Kernwaffen der USA sind die Rückversicherung hinter der globalen Interventionspolitik der USA.

Auffallend ist auch, daß jetzt plötzlich das Prinzip der Abschreckung (das über Jahrzehnte als Sicherheitsgarantie im Atomzeitalter verkauft wurde) nicht mehr gelten soll. Die USA können jedes Angreiferland in eine strahlende Trümmerlandschaft verwandeln. Eine einzelne (oder einige wenige) Rakete auf ein Ziel in USA oder Westeuropa zu schießen, wäre angesichts der Fähigkeit zur Vergeltung völlig irrational. Leider wird seit Jahren ein Feindbild aufgebaut, das besagt: Islam gleich islamistisch gleich terroristisch gleich irrational. Vor dem Hintergrund dieses Feindbildes wird jetzt auch einem Staat wie dem Iran ein Akt der äußersten Irrationalität zugetraut. Dabei leitet die Militärs und Politiker in allen genannten Staaten die gleiche Rationalität wie Politik und Militär hierzulande: Der Glaube an militärische Stärke und der Glaube an eine gerechte Sache, für die es sich lohnt, Krieg zu führen.

Ein Blick auf die mitteleuropäische Landkarte zeigt, daß die wichtigsten Stützpunkte der US- Streitkräfte („Main Operation Basis“): Ramstein (größter Luftwaffenstützpunkt außerhalb der USA), Heidelberg (NATO und Army-Hauptquartier), Ansbach- Katterbach (Hubschrauber Ausbildungs- und Trainingszentrum) und  der Truppenübungsplatz Grafenwöhr (Training der „Stryker“- Brigaden für den Straßenkampf in Bagdad) in etwa auf einer Ost-West- Linie in der Nähe des 49ten Breitengrades liegen. Der Truppenübungsplatz Brdy (49 Grad Nord) südöstlich von Pilsen liegt ca 150 km östlich von Grafenwöhr auf der Verlängerung dieser Linie. Die geplante Radarstation dort wäre also nicht nur Teil eines globalen Netzes von Radarstationen und Raketenstellungen zur Bekämpfung ballistischer Raketen, sondern dürfte auch dem Schutz dieser Operationsbasen der USA dienen. (Der Vollständigkeit halber sind hier noch zu erwähnen die Luftwaffenbasis Spangdahlem (bei Bitburg, 50 Grad Nord) und die Hauptquartiere in Wiesbaden (50 Grad Nord) und Stuttgart (48 Grad Nord, European Command).) Von hier werden die aktuellen und zukünftigen Interventionskriege der USA geführt bzw. unterstützt. Selbstverständlich sind alle genannten Orte wichtige strategische Ziele im Rahmen der künftigen kriegerischen Konflikte um Öl und andere Ressourcen, auf die die Rationalität der „militärischen Stärke“ zusteuert.

Thomas Rödl, M.A., Sprecher der Deutschen Friedensgesellschaft- Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, Landesverband Bayern